Begegnung der Erinnerung

Nächster Halt…“ Müde öffnete sie die Augen und gähnte. „…Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“ Schnell huschten ihre Augen zu der Uhr im Gang. 13:46 Uhr. Zufrieden nickend rückte sie ihren Rucksack und ihre Tasche zurecht und kuschelte sich wieder in den Sitz, den Kopf an der kühlen Fensterscheibe angelehnt. Als der Zug im nächsten Bahnhof einfuhr und Passagiere ein- und ausstiegen, schlief sie wieder und befand sich im Land der Träume.

Zwei Stationen weiter betrat ein hochgewachsener, schlacksiger junger Mann Anfang zwanzig den Zug. Er sah sich kurz um und ging den Gang entlang. Als er sie erblcikte, blieb er mit einem verdutzten Gesicht stehen. Er musterte ihr schlafendes Gesicht genauer, betrachtete ihre Kleidung. Sein Blick blieb schließlich an ihrer Umhängetasche hängen, welche auf dem großen Rucksack ruhte. Ein kleines Lächeln schlich sich auf seine Lippen.

Vorsichtig näherte er sich ihr. „Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“ Sie reagierte nicht, ihr gleichmäßiger Atem ließ das Fenster leicht beschlagen. Sanft stupste er ihre Schulter an, bis sie sich regte und zu ihm aufsah. „Ist der Platz noch frei?“ Er lächelte leicht und zeigt auf den Sitz neben ihr.

Verschlafen musterte sie erst sein Gesicht, dann wanderte ihr Blick einmal über seinen Körper und wieder zurück zu seinem Gesicht. Ihre Augen weiteten sich leicht, als sie ihn erkannte. Noch immer starrte sie ihn nur an, den Mund leicht geöffnet. Er konnte sehen, dass sie noch halb am schlafen war. „Ja…“, murmelte sie schließlich und wandte mit halb geschlossenen Lidern den Blick ab, „der Platz ist noch frei…“ Die letzten Worte nuschelte sie nur noch, während sie ihren Kopf wieder an die Fensterscheibe lehnte.

Augenblicklich erschlaffte ihr gesamter Körper und sie schlief wieder. Er setzte sich leise neben sie und sah an ihr vorbei aus dem Fenster. Einige Fahrgäste blickten herüber. Sie wunderten sich über das Mädchen, das schon seit zwei Stunden schlief, und das am hellichten Tag. Und nun hatte sich ein merkwürdig gekleiderter junger Mann neben sie gesetzt, obwohl die Sitze des Zuges nicht mal halb besetzt waren.

Er konnte ihre Blicke spüren; Neugier, Misstrauen, Ablehnung. Doch das machte ihm nichts aus, er bemerkte sie nur am Rande. Stattdessen wanderten seine Gedanken sechs Jahre zurück, als er noch in der Schule war.

Der Zug bremste und kam unsanft zum stehen. Ihr Kopf flog nach hinten und knallte zurück gegen die Scheibe. „Outsch“, grummelte sie mit geschlossenen Augen und rieb sich die Stirn. Neben ihr erklang leises Gelächter. Verwirrt blickte sie nach links und ihr Atem stockte. Langsam hob sie ihre Hand und piekste ihn in den Arm. Dann etwas kräftiger, bis er ihre Hand abwehrte und sie überrascht anschaute. „Was machst du da?“ „Kontrollieren, ob du echt oder eine Halluzunation bist“, erwiderte sie ohne zu zögern. Augenblicklich erhitzte sich ihr Gesicht und peinlich berührt wandte sie sich ab. „Keine Sorge, ich bin echt“, sie konnte das schiefe Grinsen vor ihrem inneren Auge sehen, was sich bei diesem Tonfall immer auf seinem Geischt befand. „Genau das war meine Sorge…“, sagte sie zu sich selbst, ohne dass er es hören konnte.

Sie holte tief Luft und sah ihm in die Augen. „Seit wann sitzt du da?“, ein ungewollt vorwurfsvoller Unterton schwang in ihrer Stimme mit und sie kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Er blickte zur Uhr im Gang und sah wieder zu ihr. „Seit knapp einer Stunde.“ Sie verschluckte sich beim Atmen und schnappte erschrocken nach Luft. „Warum hast du dich ohne zu fragen neben mich gesetzt?“, nun verkörperte ihre Stimme einen einzigen Vorwurf, der selbst in ihren eigenen Ohren hart klang.

Leicht verwirrt verschwand sein Grinsen und er musterte sie. „Ich habe dich gefragt, du hast mich sogar angestarrt und gesagt, dass der Platz frei ist“, er klang halb belustig, halb besorgt. Sie schluckte hart. „Das war kein Traum?“, fragte sie leise, Hysterie und Unglauben deutlich zu hören. Er antwortete mit einem weiteren leisen Lachen. Am Liebsten hätte sie jetzt geheult. Sie war noch immer eine Lachnummer, auch nach sechs Jahren hatte sich nichts geändert.

Sein Anblick schmerzte sie. Schnell wandte sie den Blick von ihm ab und sah stattdessen auf die Uhr. 15:07 Uhr. „Wo, äh, musst du aussteigen?“ Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass er sie noch immer anschaute. „Weiß nicht.“ Ungläubig huschte ihr Blick wieder zu ihm und seine Augen hielten sie fest. Sie hatte schon immer eine Schwäche für diese Augen gehabt.

Du weißt nicht, wo du aussteigen musst?“, fragte sie belustigt. Er grinste und plötzlich blitzte ein Bild vor ihr auf.

Er blickte sie grinsend an, halb verlegen, halb belustigt, der Stock, den er soeben noch mit einer Hand zu fangen versucht hatte, lag vor ihm.

Genau dieses Grinsen erstrahlte auch jetzt im Zug und traf sie vollkommen unvorbereitet. Niedergeschlagen sah sie auf ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen. Er war noch immer zu weit weg.

Er wollte gerade zu einer Antwort ansetze, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. Mit einem großen falschen Lächeln strahlte sie zu ihm auf. „Es geht mich nichts an, schon gut.“ Damit drehte sie sich um. Hinter ihr erklang ein Seufzen. „Du hast dich nicht verändert, auch wenn ich etwas gebraucht habe, um dich zu erkennen.“ Sie erstarrte. Sie hatte sich also in seinen Augen nicht verändert, nicht ein Stück. Sie war für ihn noch immer das kleine Mädchen von vor sechs Jahren. Bittere Frustation breitete sich in ihr aus, doch sie reagierte nicht auf seinen Kommentar.

Mit abgehackten Bewegungen rückte sie ihre Tasche und ihren Rucksack zurecht. Als sie jedoch ihren Kopf wieder an die Scheibe legen wollte, zuckte sie zurück und befühlte vorsichtig ihre Stirn. Sie würde wohl eine Beule bekommen. Verärgert und frustriert versuchte sie, ihren Kopf seitlich an der Lehne zu platzieren, ohne dass sie ihn ansehen musste. Allmählich überkam sie wieder die Müdigkeit und sie schlief rasch ein.

Stumm beobachtete er sie. Immer wieder rutschte ihr Kopf langsam in Richtung Fenster, bis sie sich ruckartig wieder aufsetzte, noch im Schlaf versunken. Nach einer viertel Stunde konnte er es nicht mehr mit ansehen und rückte etwas näher an sie heran. Bedächtig legte er den Arm um sie und bettete ihren Kopf auf seinem Schlüsselbein. Sie murmelte etwas und öffnete halb die Augen. „Was…“ „Das war ein Kompliment. Du hast dich nicht verändert, sondern bist dir treu geblieben.“ Er lächelte sie an, obwohl er bezweifelte, dass sie ihn tatsächlich wahrnahm. „Wo musst du aussteigen?“, flüsterte er.

Ihre Augen flatterten und ihre Lippen bewegten sich tonlos. Er dachte schon, sie sei wieder eingeschlafen, dann sagte sie schleppend: „Endstation.“ Er sah auf die Uhr und machte es sich daraufhin bequem, verlagerte ihr Gewicht und legte schließlich auch den anderen Arm um sie, um zu verhindern, dass sie von ihm herunter rutschte und vom Sitz fiel. „Dann steige ich da wohl auch aus“, murmelte er in sich hinein und betrachtete die vorbeirauschende Landschaft.

Er spürte Nässe durch sein T-Shirt und schaut verwundert zu ihr hinunter. Ihr Körper bebte leicht vor unterdrückten Schluchzern. Sanft drückte er sie. Die Schluchzer vergingen und sie kuschelte sich an ihn.

Nächster Halt…“ Träumte sie? „…dieser Zug endet hier…“